Gelesen – Die Werke Hesses

  • Der Steppenwolf: Als Einsteig und Erstlingswerk meiner daraufhin beginnenden Leidenschaft zu diesem Autor – nicht gerade der gewöhnliche Einstieg, dafür eines der ungewöhnlichsten Hesse-Bücher.
  • Demian: Der Junge Demian – charismatisch, dunkel, böse – und doch sympathisch. Eines meiner Lieblingswerke. Bildung mal anders.
  • Unterm Rad
  • Peter Camenzind: Der erste seiner biografischen Romane – schön, gefühlvoll, poetisch, leidend.
  • Im Garten
  • Piktors Verwandlung
  • Narziß und Goldmund
  • Knulp
  • Ladidel
  • Das Glasperlenspiel
  • Siddhartha
  • Gertrud
  • Die Morgenlandfahrt
  • Roßhalde
  • Kurgast

Was der Wind in den Sand geschrieben

Heut morgen, aus gegebenem Anlass, fand ich eine liebevoll gestaltete und sehr schön geschriebene Karte auf dem Wohnzimmertisch. Auf der Vorderseite sind folgende Zeilen zu lesen:

Dass das Schöne und Berückende
Nur ein Hauch und Schauer sei,
Dass das Köstliche, Entzückende,
Holde ohne Dauer sei:
Wolke, Blume, Seifenblase,
Feuerwerk und Kinderlachen,
Frauenblick im Spiegelglase
Und viel andre wunderbare Sachen,
Dass sie, kaum entdeckt, vergehen,
Nur von Augenblickes Dauer,
Nur ein Duft und Windeswehen,
Ach, wir wissen es mit Trauer,
Und das Dauerhafte, Starre
Ist uns nicht so innig teuer:
Edelstein mit kühlem Feuer,
Glänzendschwere Goldesbarre;
Selbst die Sterne, nicht zu zählen,
Bleiben fern und fremd, sie gleichen
Uns Vergänglichen nicht, erreichen
Nicht das Innerste der Seelen.
Nein, es scheint das innigst Schöne,
Liebenswerte dem Verderben
Zugeneigt, stets nah dem Sterben,
Und das Köstlichste: die Töne
Der Musik, die im Entstehen
Schon enteilen, schon vergehen,
Sind nur Wehen, Strömen, Jagen
Und umweht von leiser Trauer,
Denn auch nicht auf Herzschlags Dauer
Lassen sie sich halten, bannen;
Ton um Ton, kaum angeschlagen,
Schwindet schon und rinnt von dannen.
So ist unser Herz dem Flüchtigen,
Ist dem Fließenden, dem Leben
Treu und brüderlich ergeben,
Nicht dem Festen, Dauertüchtigen.
Bald ermüdet uns das Bleibende,
Fels und Sternwelt und Juwelen,
Uns in ewigem Wandel treibende
Wind- und Seifenblasenseelen,
Zeitvermählte, Dauerlose,
Denen Tau am Blatt der Rose,
Denen eines Vogels Werben,
Eines Wolkenspieles Sterben,
Schneegeflimmer, Regenbogen,
Falter, schon hinweg geflogen,
Denen eines Lachens Läuten,
Das uns im Vorübergehen
Kaum gestreift, ein Fest bedeuten
Oder wehtun kann. Wir lieben,
Was uns gleich ist, und verstehen,
Was der Wind in Sand geschrieben.

“Was der Wind in den Sand geschrieben” H. Hesse

Spieler-Glück

Hesse schreibt, was viele Spieler empfinden, die Ihr Glück im Metier des Zufälligen suchen, folgende interessante Zeilen. Ich denke, dass man hier von der Roulette, über das immer beliebter werdende Pokern, bis hin zu klassischen Sportwetten keinen Unterscheid zu machen braucht. Im Enddefekt sind die Gefühle, die er so treffend beschreibt, die gleichen. Aber lest selbst:

“Dieser Augenblick des Gewinnens ist wundervoll. Du hast das Schicksal angerufen und dich ihm anheimgestellt, du glaubst in Kontakt mit dem großen Geheimnis zu sein, hast das ahnende Gefühl, mit ihm im Bunde und befreundet zu sein – und siehe, es ist wahr, es bestätigt sich, deine stille, geheime Vorstellung, dein kleines verborgenes Wunschbild strahlt auf, es vollzieht sich das Wunder, aus der Ahnung wird Wirklichkeit, deine Zahl wird von der allmächtigen Glückskugel auserwählt, der Mann am Rad ruft sie laut aus, und der Mann am Tisch wirft dir im Bogen eine Handvoll aufblitzende Silberstücke zu. Das ist außerordentlich hübsch, es ist ein reines Glück, und es hängt nicht vom Gelde ab, denn ich, der ich dies schreibe, habe von allen meinen gewonnenen Franken nicht einen behalten, das Spiel hat alle wieder verschlungen, und dennoch leuchten jene schönen Augenblicke des Gewinnens, jene wunderbar innigen, kindhaft vollen und satten Erfüllungen ungetrübt und köstlich nach, jede war ein voll und prall geschmückter Weihnachtsbaum, jede ein Wunder, jede ein Fest, und zwar ein Fest der Seele, eine Bestätigung und Bejahung und Steigerung des innersten, tiefsten Lebensinstinktes. Gewiß, man kann dieselbe Freude, dasselbe wunderbare Glück auf höheren Ebenen, in edleren und differenzierten Formen erleben: das Aufleuchten einer tiefen Lebenserkenntnis, der Moment eines inneren Sieges und am meisten der schöpferische Augenblick, der Augenblick des Findens, des aufblitzenden Einfalls, das triumphierende Ertasten des Treffers bei der Arbeit des Künstlers, all das ist, in höhern Regionen, dem Erlebnis des Spielgewinns ähnlich wie Bild und Spiegelbild. Aber wie selten erlebt auch der Glückliche , auch der Begnadete jene hohen göttlichen Augenblicke, wie selten leuchtet in uns ermüdeten späten Menschen eine Befriedigung, ein sättigendes Glücksgefühl, das an Stärke und Pracht sich mit den Glückserlebnissen der Kindheit vergleichen darf! Diese Erlebnisse sind es, denen der Spieler nachjagt, auch wenn er scheinbar das Geld meint. Diesen Paradiesvogel der Freude, in unserem glatten faden Leben so selten geworden, sucht er zu erjagen, ihm gilt die lodernde Sehnsucht in seinem Blick.”

Aus Hermann Hesse Kurgast, geschrieben Oktober 1923